Walter REISS / 29. Mai 2024
© Walter Reiss
Gerhard Meyer in seiner burgenländischen Heimat Rehgraben .
Schüchtern war er nie. Und mit selbstbewusster kräftiger „Schnauze“ begrüßt er Gäste in seinem beschaulichen Domizil an einem sonnigen Hang in Rehgraben, einem Ortsteil von Gerersdorf. „Vor 35 Jahren, weißt du noch?“ Ich nicke: „Ja!“ Damals rief er sein weltbekannt gewordenes Statement in das Mikrofon, das ich ihm als Fernsehreporter entgegenhielt: „Wir freuen uns über die Demokratie in Ungarn, das ist ein riesengroßer Fortschritt für die ganze Menschheit. Man müsste das im ganzen Ostblock nachmachen, damit diese Diktatur von Verbrechern aufhört!“ Radio- und TV-Stationen sendeten noch in derselben Nacht die Szenen an der Grenze samt dem politisch deftigen Statement jenes Lenkers, der den Ehrgeiz hatte, als erster im Westen anzukommen. Der „schnelle Meyer“ war plötzlich Medienstar. Noch Jahrzehnte später war er gefragter Gast in TV-Talkshows und Held von Reportagen zur Zeitgeschichte.
Schon in DDR-Zeiten war er anders als die Masse: Westliche Lebensweise praktizierte er in Neuenhagen bei Ostberlin als Gastwirt, dem es gelungen war, eine der wenigen Gewerbeberechtigungen im Arbeiter- und Bauernstaat zu ergattern. Im Sommer 1989 nutzte er dann die Chance, gemeinsam mit seiner Frau Nicole und den beiden Töchtern einen Urlaub in Ungarn zur legalen Flucht zu nutzen. „Das war eine Aufbruchsstimmung damals, das kannst du auch heute noch nicht in Worte fassen“, sinniert er im gemütlichen Wohnzimmer mit nachdenklichem Blick ins südburgenländische Hügelland. Damals gab Gerhard Meyer in seinem Toyota Corolla Gas bei seinem Start in ein neues Leben, das ihn über Deutschland bald nach Österreich führte. Warum die Alpenrepublik? Die rasche Antwort des „schnellen Meyer“: „In Deutschland hat mir einmal eine ältere Dame gesagt: Hier gibt es viele Ämter und Bürokratie. In Österreich ist es gemütlicher!“
In Tirol arbeitete sich der Kneipenwirt aus der DDR zum Hotelier am Brenner hoch. Beim Geschäft mit dem Tourismus entdeckte er die Liebe zu alpiner Tracht und Lederhose und zum Schreiben. In einem Buch will er seine Erlebnisse der Nachwelt erzählen, als Biografie eines Mannes, der sein Lebensmotto in der seit 2019 erwählten burgenländischen Heimat stets wiederholt: „Es zählen nur Mut und voller Einsatz!“ Den Betrieb in Tirol hat er aufgegeben, seinen Ruhestand verbringt der schnellste Mann an der einstigen Ost-West-Grenze nun im romantischen Zickental. Über Grenzen denkt er auch heute noch nach: „Damals sind Grenzen gefallen. Jetzt haben wir sie vielleicht bald wieder!“ Und zum Ende der DDR: „Das mag wohl sein, dass damals der Fall des Regimes eine politische Entwicklung war. Aber ich sage heute: Die DDR war einfach pleite! Die standen nackt da und hatten kein Geld mehr!“ Das mit dem Pleitesein gilt natürlich nicht für den „schnellen Meyer“: Als er 1950 auf die Welt kam, war die DDR kaum ein Jahr jung, jetzt ist sie längst Geschichte. Und die Geschichte von Gerhard Meyer sieht er selbst als Erfolgsgeschichte mit einem selbst erarbeiteten Wohlstand nach einem bewegten, rasanten Leben mit Vollgas.

11. September 1989 um 0 Uhr: Der schnelle Meyer mit seinem weißen Toyota Corolla in der Poleposition bei Klingenbach

Über sein bewegtes Leben hat Gerhard Meyer auch ein Buch geschrieben: Der schnelle Meyer MIT VOLLGAS DURCHS LEBEN

Über sein bewegtes Leben hat Gerhard Meyer auch ein Buch geschrieben: Der schnelle Meyer MIT VOLLGAS DURCHS LEBEN

Der schnelle Meyer 1989 in seinem Fluchtauto

Der „schnelle Meyer“
Ein bewegtes Leben zwischen DDR und Rehgraben. Walter Reiss hat Gerhard Meyer in seinem Haus in Rehgraben besucht. Der prima! Podcast mit einem Stück Zeitgeschichte.
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